Naturschutz heute

     
  Über Jahrmillionen hat sich die Erde zu einem lebendigen Planeten entwickelt mit einem unermesslichen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten, an Landschaften und Ökosystemen und mit einem großen Vorrat an natürlichen Ressourcen. Doch während der letzten 200 Jahre wurden die natürlichen Abläufe in der Umwelt durch den Menschen so stark beeinflusst, dass daraus ernsthafte Bedrohungen entstanden: Die Menschheit ist dabei, das Weltklima zu verändern. Wasserknappheit führt zu Wüstenbildungen und könnte schon bald Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen sein. Weltweites Artensterben und Ozonloch sind weitere Stichworte der globalen Bedrohung. Niemand weiß, ob das durch menschliche Eingriffe bedingte Ende evolutionärer Vorgänge einer anderen Spezies Lebensbedingungen schafft, die eine Bedrohung der gesamten Menschheit darstellen. Die Bewahrung der Schöpfung aus moralischen Gründen reicht heute nicht mehr aus, die Notwendigkeit von Umwelt- und Naturschutz zu begründen. Es geht um den Frieden und das Überleben der Menschheit insgesamt.

Hierbei handelt es sich nicht um neue Erkenntnisse. Offen werden auf den Weltumweltgipfeln künftige, umweltbedingte Katastrophen, die Überschwemmung von Landmassen und die Überlebenschancen der Bewohner diskutiert.
Trotzdem geht die Zerstörung der Natur und Umwelt weiter. Die Erfolge der Umweltpolitik liegen eher in einzelnen regionalen, meist schadstoffspezifischen Verbesserungen der Umweltqualität. Großflächig aber haben Zerstörung von Natur und Landschaft, Belastung von Boden und Wasser, von Luft und Erdatmosphäre zugenommen. Wir als Angehörige der Industriestaaten gehören zu den größten Umweitzerstörern der Erde. Mangels unmittelbarer Bedrohung wiegt aber die Angst vor Wohlstandsverlust größer als die Kenntnis von einer entfernten Bedrohung. Dabei könnte Umwelt- und Naturschutz als Chance für mehr Lebensqualität und Arbeitsplätze begriffen werden. Es sind aber die kollektiven Ängste und materiellen Interessen, die die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen vorantreiben.
Der NABU will diesen erdbedrohenden Trend endlich umkehren. Er will einen Beitrag dazu leisten, dass vor allem in unserem Land, aber auch in Europa und in den Ländern, deren Umwelt wir beeinflussen, eine Wirtschaft- und Lebensweise einsetzt, die auf Dauer im Einklang mit einer lebenswerten Umwelt steht. Er will unseren Anteil am Weltnaturerbe, an Tier- und Pflanzenarten, aber auch an natürlichen und gewachsenen Landschaften erhalten und entwickeln.
Er hat sich mittlerweile von einer Artenschutzorganisation mit überwiegendem Engagement im Vogelschutz zu einer allgemeinen Naturschutzorganisation mit Aktivitäten auch im Umweltschutz entwickelt. Traditionell liegen seine Stärken aber im Arten-, Biotop- und Landschaftsschutz. Er tritt entsprechend konsequent gegen Eingriffe in Natur und Landschaft ein.
Nach seinem Verständnis reicht es nicht mehr aus, Naturschutz auf bestimmte geschützte Gebiete zu begrenzen, auch wenn diese zu einer unbeeinflussten evolutionären Entwicklung wichtig sind. Weniger als 2% unserer Gesamtfläche ist ausreichend geschützt. Natur und Umweltschutz muss deshalb überall stattfinden. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der Mensch Teil der Natur und auf deren Nutzung im eigenen Interesse angewiesen ist. Unsere Kulturlandschaft, die einen großen Teil unserer Tier- und Pflanzenarten beheimatet, entstand erst durch menschliche Eingriffe in die Landschaft. Es müssen aber Rahmenbedingungen geschaffen werden, die garantieren, dass Boden, Wasser und Luft als Lebensgrundlagen menschlicher Existenz stets in gleichbleibender Menge- und Qualität zur Verfügung stehen und nicht durch Missbrauch geschmälert werden. Zukünftige Generationen und Menschen anderer Regionen dürfen durch unsere Lebensweise nach dem Selbstverständnis des NABU keinen Schaden nehmen.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des NABU liegt in der Information, Erziehung und Bildung. Unser Verhältnis von Natur basiert auf einer kulturellen Entwicklung und ist einem steten Wandel unterworfen. Die Chance, die Wertschätzung der Gesellschaft für Natur und Umwelt zu erhöhen, liegt darin, das Wissen um natürliche Zusammenhänge (rational) und Schönheit und Faszination von Natur (emotional) zu vermitteln. Um Fehleinschätzungen zu vermeiden, hat sich der NABU einem Naturschutz auf wissenschaftlicher Basis per Satzung verpflichtet. Denn immer noch bewertet der Mensch Tierarten nach ihrem Nutzen, wobei dieser Nutzen auch oder vorwiegend im Sinn eines emotionalen Gewinns gesehen wird. Es gibt Tiere, denen unsere Zuneigung gilt und andere die wir nicht mögen, die Gefühle der Angst oder gar des Ekels hervorrufen. Dies führte in der Vergangenheit zu verheerenden Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen, die manche Art an den Rand des Aussterbens brachte. Ich möchte dies an zwei aktuellen Beispielen verdeutlichen:

Entgegen den Erkenntnissen und dem Rat ihrer eigenen Fachleute haben Politiker die Jagd auf Rabenvögel frei gegeben, weil eine öffentliche Meinung glaubte, Raben, allen voran die Elster, bedrohen den Bestand der Singvögel. Der interessierte Leser, der der gleichen Fehleinschätzung unterliegt, sollte sich prüfen, indem er schriftlich fixiert, wann er einen erfolgreichen Nestraub der Elster beobachtete. Er wird feststellen, dass auch die Elster hart ums Überleben kämpfen muß.
Noch deutlicher wird die Emotionalität vieler "Naturschützer" rund um den Nationalpark Bayerischer Wald, die den Hirsch füttern, sog. Schädlinge aber bekämpfen wollen. Tatsächlich sind aber die Verbissschäden des rindenfressenden Hirsches um ein Vielfaches höher als die Schäden der Borkenkäfer.
An diesen Beispielen mag der Leser erkennen, wie wichtig eine sachliche, wissenschaftlich ausgerichtete Beurteilung natürlicher Vorgänge ist.

Auch die Ortsgruppe Nieder-Roden hat traditionell ihre Stärken im Arten-, Biotop- und Landschaftsschutz. Wir betreiben angewandten Naturschutz; wir kaufen und pachten Land, um dort Mager- und Streuobstwiesen oder Feldholzinseln zu errichten, legen Feuchtgebiete an und haben ehemalige Trafohäuschen für Vögel und Fledermäuse ausgebaut. Jährlich erstellen wir eine Bestandsanalyse der heimischen Brutvögel und versuchen die Öffentlichkeit und Entscheidungsträger über natürliche Zusammenhänge aufzuklären, um so Einfluss zu nehmen.

An einem Beispiel möchte ich Ihnen den Sinn angesichts der globalen Bedrohung verdeutlichen: Das Gebiet westlich der Bahnlinie bis zur vorhanden Bebauung wurde als Bauland nachträglich in den Raumordnungsplan aufgenommen. Dort sind die letzten Schwarzkehlchen in Nieder-Roden heimisch. Mit der Bebauung wird es bei uns dann keine Schwarzkelchen mehr geben. Die "städtebauliche Entwicklung", was immer das sein mag, soll Vorrang vor dem Brutgebiet eines Schwarzkehlchens haben. Täglich aber werden tausende derartiger Entscheidungen gegen den Umwelt- und Naturschutz getroffen. Dies führt zur Vernichtung natürlicher Lebensräume und kann das Ende einer Art bedeuten. Gleichzeitig wird Land versiegelt, das Wasser wird in Kanälen abgeleitet und verknappt. Die dort entstehenden Häuser werden durch ihre Emissionen zur weiteren globalen Klimaveränderung beitragen.

Wenn auch bei Ihnen der Wunsch geweckt wurde, etwas zum Umwelt- und Naturschutz beizutragen, ist es am einfachsten, wenn Sie die Arbeit des NABU durch eine Mitgliedschaft unterstützen. Sie können sich aber auch Anregungen für eine naturnahe Gartengestaltung oder einen ökologischen Hausbau holen.

Walter Weiland

(Quellen: "Verantwortung für Natur und Umwelt"; ein Strategiepapier, das von der Bundesvertreterversammlung des NABU im Januar 1994 beschlossen wurde. "Naturschutz in einer endlichen Welt"; Programm des NABU LV Hessen)