Winterwanderung - NABU wandert entlang der Rodauwiesen bei Rollwald

NABU wandert entlang der Rodauwiesen

Der Wind, obwohl noch in kurzen, kräftigen Böen spürbar, legte sich am Sonntagmorgen und die wetterfesten Naturschützer machten sich auf den Weg.

220130 008 Gruppenbild NABU Winterwanderung Rollwald

Klaus Benedickt vom NABU Rodgau begrüßte Vereinsmitglieder sowie drei Interessierte Bürger:innen als Gäste, die freundlich in die Gruppe aufgenommen wurden.

 

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Die zweistündige Wanderung hatte das NSG Rollwaldwiese und angrenzende Flur- und Waldgebiete zum Ziel.

In der Gemarkung Rodgau befinden sich 6 gesetzlich geschützte Naturflächen (NSG).
Sie machen an der Gesamtfläche ca. 4,2 % aus. Das NSG Rollwaldwiesen umfaßt davon mit 33 ha eine mittlere Größe.

Zwar ist der Winter nicht unbedingt die Jahreszeit in der es üppig „kreucht und fleucht“, aber die Strukturen dieses an sich etwas „unscheinbar“ wirkenden NSG sind durchaus interessant.

Zumal wenn man weis, daß das es zum Zeitpunkt seiner Entstehung 1999 ein Hotspot der heimischen Vogelwelt war.
Insgesamt 76 Vogelarten wurden gezählt, davon waren nur 16 Arten ziehende.

Leider hat sich das deutlich verändert, nicht zuletzt weil Bürger:innen das Gebiet intensiv für Freizeitaktivitäten zu Fuß und mit dem Rad nutzen.
Es kam heute schon vor, daß Hundegänger ihren Liebling im NSG von der Leine ließen und ein MTB-Fahrer das NSG durchquerte, abseits der vorgesehenen Wege.

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Der Verlauf der Rodau ist die markante Linie, die das NSG in einen ördlichen und südlichen Bereich teilt. Die Flächen liegen im Bereich der Flur „Auf Stockau“ und setzen sich in ein Waldgebiete, das bis an die B45 und den Ortsteil Breiderd/Oberroden reicht, fort. Östlich von Rollwald und Oberroden befinden sich Naßwiesen mit ihren typischen Gras- und Blüh- pflanzengemeinschaften. Hier steht im Sommer die traubige Trespe, das Acker-Quellkraut und das Kleine Filzkraut.

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Der Bach hat sich inzwischen mehr als eine Meter tief ins Bachbett eingegraben was zur Folge hat, daß Überschwemmungen der Auenwiesen durch Hochwasser kaum mehr eintreten. Das ist für die ehemals als Feucht- und Naßwiesen klassifizierten Biotope von einschneidender Bedeutung. Auch der rückläufige Niederschlag trägt zur geringeren Vernässung der Wiesen bei. Das höher liegende Gelände fällt länger trocken, nicht zuletzt auch aufgrund der sandigen Böden.

Pflanzen- und Vogelarten, besonders solche, die auf der Roten Liste Hessens stehen, sind erheblich zurückgegangen oder ganz verschwunden.
Anfangs war die Schutzwürdigkeit dieser Arten der wesentliche Grund für die Ausweisung als NSG.

Gleichwohl ist die Stadt Rodgau bemüht das Gebiet aufzuwerten, z.B. durch Zukauf von Flächen. Kürzlich geplante Pflegemaßnahmen umfassen Gehölzrückschnitt entlang der Waldwiesenränder zur Wiederherstellung der Mahdfähigkeit der Wiesen. Abgestorbene Pappeln mit Höhlen werden als Totholz an der Rodau erhalten. Die eigendynamische Entwicklung der Rodau im NSG wird durch eine zurückgenommene Gewässerunterhaltung gefördert.
(Quelle: Umweltbericht Rodgau 2019).

Weiden und Pappel säumen den Bachlauf der Rodau, ein Stehgewässer (Teich) und ein üppiger Schilfröhrichtgürtel (breitblättriger Rohrkolben), stechen, von Süden her betrachtet, ins Auge.
Der Biberfraß an einem abgebrochenen Weidenast hat Spuren hinterlassen.

Die Flora ist geprägt von der wasserliebenden Krebsschere, dem Sumpf-Veilchen und Sumpf-Weidenröschen. Hier ist das Schwarzkehlchen, die Rohrammer und Amphibien wie Wasser- und Grünfrosch sowie Kamm- und Bergmolch zuhause. Bekassine, eine Schnepfenart, sowie Kiebiz brüten hier schon lange nicht mehr. Die zunehmende Trockenheit der Au-Wiesen ist da Ausschlag gebend.

Entlang der südlichen Naßwiesen, die von Gräben, Baumstreifen und -inseln durchzogen sind, führte uns ein kurzer Abstecher in den Kiefernwald, zu dem wieder instand gesetzten „Stockau-Brünnchen“.

Historische Quellen besagen, daß der Platz auf eine Siedlungsgründung im 06. bis 07. Jahrhundert zurück gehe. Die ehemalige Flurbezeichnung „Auf Stockheim“ deutet auf eine „ausgestockte“, gerodete Fläche hin.
Die von Sandsteinblöcken eingefaßte Quelle führte klares, hoch stehendes Wasser.

Über die kleine Heidefläche im Osten, auf der Silbergras, Sand-Grasnelke und Sand-Wicke ehemals bestimmt wurden, durchquerten wir das Waldstück und warfen noch einen Blick auf etliche, vereinzelt stehende Stechpalmen.

Die ILEX oder Winterbeere ist immergrün und hat eine lange Tradition als Deko-Pflanze zur Weihnachtszeit. Vor allem in England und Frankreich schmückt sie den Kamin im Wohnzimmer.
Aber bereits zur Zeit der germanischen Siedlungen und im christlichen Brauchtum wußte man die Pflanze als Türdeko und Ersatz für Palmzweige zu schätzen.
Der englische Name „holly“ weist auf die Namensgründung der Stadt Hollywood in Kalifornien/USA hin. Dort gab es zur Zeit der Besiedlung ausge- dehnte Wälder, die, undurchdringlich, vor Gefahr schützten.

Über die Rodgau-Brücke erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt, am Bahnhof Rollwald. Bei heißem Apfelwein und Brezel wärmten sich die Wanderer an der NABU-Hütte dann nochmal auf. Gespräche über die Zukunft des NSG wurden intensiv geführt. Ob das NSG dem Druck als Naherholungsgebiet standhalten kann?

Der NABU bittet daher nochmal darum die Regeln für die Nutzung des NSG zu beachten. Hunde gehören da an die Leine und mit dem Fahrrad sowie zu Fuß leibt man auf den ausgewiesenen Wegen. Vorhandene Trampelpfade vermitteln zwar ein gewisses „outdoor-feeling“, sie liegen aber im NSG und sollten nicht benutzt werden. Besonders gilt das in der sogenannten Brut- und Setzzeit, von Mitte Februar bis Mitte Juni.

Natur soll eben für Alle da sein und ist gleichzeitig ein Rückzugsraum, gleichwohl das „Wohnzimmer“ von Schwarzkehlchen, Sichelschrecke und Sumpf-Veilchen.

Fotos von © Klaus Benedickt und Hans Schwarting