Mai 2022, GRAUSPECHTE-Exkursion zum Kühkopf

Eine Auenlandschaft wird wieder „instandgesetzt“.

Das NSG Kühkopf in Stockstadt am Rhein ist überregional bekannt. Es ist das größte NSG in Hessen und typisch für seine Auenlandschaften.

P1170751 Förster Ralph BaumgärtelFörster Ralph BaumgärtelP1170743 Am Gutshaus Am Gutshaus GuntershausenFörster Baumgärtel, der Leiter des Umwelt-Bildungs-Zentrums, verglich in seiner einführenden Beschreibung die Biodiversität des Areals mit dem Marchfeld an der Donau, östlich von Wien, und der der mittleren Elbe. Das NSG wirbt mit dem Prädikat „Schatzinsel“, was der Bedeutung der Artenvielfalt entspricht.

 

 

 

 

 

 

 

P1170760Förster Ralph BaumgärtelP1170775 Blick in die AuwiesenBlick in die AuwiesenP1170761Einführung in die Biodiversität des Areals

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der von ihm geführten Wanderung entlang des Nachtigallen- und Weißstorchweges, erfuhren wir Informatives zur Struktur und Ökologie der Auwiesen und des Auwaldes. In den Auen, die bis Anfang der 80-er Jahre intensiv ackerbaulich genutzt wurden, fand sogar Ölförderung (das „Texas“ Hessens) statt.

Mit dem Hochwasser von 1983 brachen Dämme, die die Ackerflächen vor Überflutung schützten. In dem Gebiet war „ … nichts mehr normal ...“, so der Förster. Seitdem werden kontinuierlich die ökologischen Bedingungen, da Ackerbau durch die großen Sandablagerung nicht mehr rentabel war, durch Sukzession und extensive Bewirtschaftung naturnah wiederhergestellt.Die Überflutungen werden jetzt, da die Dämme nicht repariert wurden, in Kauf genommen.

P1170762Wegrändern entlang der AuwiesenP1170907 Bergahorn acer pseudoplatanusBergahorn acer pseudoplatanusAn den Wegrändern entlang der Auwiesen werden alte Obstsorten und Feldgehölze, wie z.B. Bergahorn (acer pseudoplatanus), Feldulme (ulmus minor)und Sommerlinde (tiliaplatyphyllos), kultiviert.

 

 

 

 

 

 

 

 P1170781P1170780P1170841 Goldlaufkäfer carabus auratus

 

 

 

 

 

 

 

 

Förster Baumgärtel verdeutlichte uns an den großen Flächen den Aufwand, naturnahe Flussauen wieder her zu stellen. Der Prozess dauert nun seit 40 Jahren an und ist noch nicht abgeschlossen.

Sukzession von typischen Geophyten wird durch flächiges Mulchen erreicht. Unerwünschte Geophyten wie z.B. Disteln werden dabei zurückgedrängt. Teils unterliegt der Auwald noch der Nutzung, aber in der Kernzone wird der Natur freien Lauf gelassen. Hier ist der Wald in seinem Aufbau einfach nur beeindruckend.

 

 

P1170864 Altrhein bei StockstadtAltrheinarm bei StockstadtDer Altrhein, als umfassende Grenze, unterliegt übers Jahr starken Wasserschwankungen, die das Leben von Pflanzen, Bäumen und Tieren bestimmen.

Die teils hohen Wildbestände bei Rehen reguliert da spontan auch mal das Hochwasser. Am hohen Gras der Auwiesen kann man an der Verbisskante den wohl großen Bestand an Rehen nachvollziehen. Das Verhalten der Tiere begünstigt auch die Ausbreitung von Baumarten in der Weichholzaue. In den Wühlstellen der Wildschweine keimen z.B. bevorzugt Silberweiden (salix alba).

 

 

 

 

 

 

P1170771 Blick auf den jungen EichenwaldBlick auf den jungen EichenwaldDas Angebot von Wasser und Licht regelt die unterschiedlichen ökologischen Voraussetzungen. 1988 stand das Hochwasser ein halben Meter hoch im Gutshaus. Im NSG müssen Lebewesen und Baumarten mit bis zu 4 Meter Grundwasserspiegelschwankungen und bis zu 7 Meter hohen Hochwasserständen bei Flut zurecht kommen.

So kann die Eiche bis zu 100 Tage Hochwasser, die Buche aber höchsten 10 Tage Überflutung (… in der Vegetationszeit) ertragen.
Die Esche wird am Kühkopf zusammen auch mit Eiche, Bergahorn und Wildobst angepflanzt. Ein aus Ostasien eingeschleppter Pilz bedroht allerdings den Bestand der Esche am Kühkopf existenziell, wie auch die europäischen Bestände. Ein Gegenmittel gibt es nicht. So wird sich die Zusammensetzung des Auwaldes grundlegend ändern. Auch der fortschreitende Klimawandel erfordert die Erforschung anpassungsfähiger Baumarten, auch für den Kühkopf.

 

 

 

P1170803 Im alten Auwaldm alten AuwaldP1170785 Schwarzpappeln in der WeichholzzoneSchwarzpappeln in der WeichholzzoneDiese Stärken und Schwächen haben daher großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Auwaldes. In der feuchteren, daher jungen Aue oder auch Weichholzaue, findet man eher Schwarzerle (alnus glutinosa), Silberweide (salix alba) und die seltene Schwarzpappel (populus nigra).

In der trockeneren Zone, der alten Aue oder Hartholzaue, stehen Eiche, Ulme, Rotbuche , Esche und Wildobstsorten wie Kirschpflaume (prunus cerasifera). Sie ist ebenfalls gut hochwasserverträglich. Die Esche (fraxinus excelsior) ist typischer und häufigster Baum in der Hartholzaue mit einer Überflutungstoleranz von mehr als 30 Tagen in der Vegetationszeit.

 

 

 

  

P1170800Teich in der KernzoneP1170806 Sumpfschildkröte emys orbicularisSumpfschildkröte emys orbicularisEinige Teiche befinden sich in der Kernzone. Hier trifft man auf die europäische Sumpfschildkröte. Zwei Exemplare sonnten sich auf einem Baumstamm im Teich am alten Damm. Eine wollte nicht fotografiert werden und tauchte ab.

 

 

 

 

 

 

 

P1170811 Kernzone des AuwaldesKernzone des AuwaldesP1170799AuwaldP1170815 baumhoher Weißdorn crataegusbaumhoher Weißdorn, crataegus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im alten Auwald regelt auch das Licht den Lebensraum der Baumarten. In unterschiedlicher Wuchshöhe stellen sich Baumarten auf das Lichtangebot ein. Hier wächst der Weißdornbaumhoch, der Haselstrauch erreicht 4 Meter Höhe und die Eiche überragt alle weiteren Baumarten.Hier bekommt man noch den Eindruck, wie es im Laub-Mischwald Mitteleuropas einmal ausgesehen haben muss.


300 Mittelspecht leiopicus mediusMittelspecht leiopicus mediusP1170873 Nest auf dem GutshausNest auf dem GutshausDie im Herbst und Frühjahr üppige Vogelwelt war eher spärlich wahr zu nehmen. Der Mittelspecht ist in Mitteleuropa in lichten warmdruchfluteten Laub-Misch-Wäldern zu Hause. Sein intensives Trommeln und seine Lockrufe („kweck kück-kück-kück“ in Serien) waren während der ganzen Wanderung im Wald zu hören. Er hat eine Vorliebe für alte Eichen. Der Weißstorch, auf dem Dach des Gutshauses, begrüßte seine Brutpartnerin durch klappern.

 

 

 

 

 

 

P1170824 Kopfweiden am kleinen KühkopfKopfweiden am kleinen KühkopfP1170832 Seitenarm des AquariumsSeitenarm des AquariumsP1170828 Beobachtungshütte am kleinen KühkopfBeobachtungshütte „Schlappeswörth“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nördliche Arm des Altrheins befinden sich einige Seitenarme die Rückzugsgebiete für Wasservögel sind. Von der Beobachtungshütte aus, hat man einen weiten Blick in die Wasserlandschaft.

P1170830 Blick in das AquariumBlick in das AquariumP1170831 GraureiherGraureiherP1170863 Fussabdruck des Graureihers

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Aquarium (kleiner Kühkopf), ist ein vom Altrhein abzweigender Seitenarm. Entfernt stand ein Graureiher im flachen Wasser und spähte nach Beute aus. Ein Stockenten- und Nilganspaar waren die einzigen Wasservögel, die wir sahen.

Die Stockente ist die einzige Ente, die im Kühkopf brütet. Andere Enten- und Gänsearten (z.B. Graugans) sind Zieher und rasten im Herbst und Frühjahr in großer Zahl in den Ruhezonen am Altrhein. Sie brüten aber nicht dort. Dagegen brütet der Schwarzmilan sehr häufig im Gebiet. Er ernährt sich hauptsächlich von Fischen aus dem Altrhein.

Die engen Zugänge vom Rhein zum Altrhein, lassen Fischwanderungen nur bei Überflutungszeiten zu. So werden einige Fischarten in den Altrhein gespült, wo sie ihr bevorzugtes Laichgebiet haben.

Im Wasser des Aquariums gründelten Wildkarpfen, die hier bei niedrigem Wasserstand und wärmerem Wasser laichen. Sie ziehen mit der Flut vom Neurhein in den nördlichen Altrhein.
Der Laich wird mit späteren Hochwasserständen wieder in das Flusssystem gespült. Auch die Flunder nutzt den Altrhein für ihre Nachzucht. Zudem findet man Aale, Hecht und Rotfedern vor.

P1170822 Bärlauch allium ursinum Bärlauch allium ursinumP1170835Bärlauch allium ursinumP1170836 KnoblauchalleeKnoblauchallee

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt der Kraut- und Blühpflanzen ist ebenfalls spannend. Der Bärlauch stand in voller Blüte und machte aus den Rändern der Waldwege förmlich Alleen.

P1170833 Gemeine Beinwell symphytum officinalisGemeiner Beinwell symphytum officinalisP1170790 Gamander Ehrenpreis veronica chamaedrysGamander Ehrenpreis veronica chamaedrysP1170906 Rauhaarige Wicke vicia hirsutaRauhaarige Wicke vicia hirsuta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

500 Knoblauchsrauke alliaria petiolataKnoblauchsrauke alliaria petiolataDie Knoblauchsrauke war einst eine Gewürzpflanze und geriet später durch preisgünstiger Gewürze in Vergessenheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

P1170794 Riesenbärenklau heracleum mantegazzianumRiesenbärenklau heracleum mantegazzianumP1170796 StorchschnabelStorchschnabel unidentifiziert100 Stengelumfassende Gelbdolde smyrnium perfoliatumStengelumfassende Gelbdolde (Smyrnium perfoliatum)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gelbdolde, auch Gespenst-Gelbdolde oder Kleiner Pferdseppich genannt, wurde bereits 512 von dem Römer Plinius, den Griechen Galen und vor allem Dioskurides als Heilplanze, für vielfältige Anwendungen, beschrieben.

200 Großer Bocksbart tragopogon dubiusGroßer Bocksbart tragopogon dubiusP1170818 Wilder Hopfen humulus lupulusWilder Hopfen humulus lupulusWilder Hopfen rankte an einem Haselstrauch empor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

400 Wollschweber bombylius majorWollschweber, bombylius majorEtliche Insektenarten sichteten wir an den sonnenbeschienenen Wegrändern u.a. öfters Wollschweber (bombyliidae).

 

 

 

 

 

 

 

P1170837 entdeckt JPG... entdeckt ...P1170840 Schwarzköpfiger Feuerkäfer pyrochroa coccinea schwarzköpfiger Feuerkäfer, pyrochroa coccineaZwei schwarzköpfige Feuerkäfer leuchteten scharlachrot beim Paarungsakt, mitten auf dem Radweg. Das mußte natürlich genau unter die Lupe genommen werden. Da Feuerkäferlarven auch andere Insektenlarven fressen, sind sie auch Nützlinge.

 

 

 

 

 

 

 

P1170841 Goldlaufkäfer carabus auratusGoldlaufkäfer, carabus auratusGoldlaufkäfer, auch „Goldschmied“ genannt, sind wärmeliebende Käfer und machen Jagd auf Schnecken, Würmer und auch andere Insekten. Erstaunlicherweise waren viele der Käfer, die wir vor allem auf den Waldwegen fanden tot und zerquetscht, vermutlich von Radfahrern überfahren.

 

 

 

 

 

 

 

P1170774 Auwaldzecke dermacentor reticulatusAuwaldzecke dermacentor reticulatusIn den weitläufigen Auwiesen kommt zahlreich die Auwaldzecke, auch Winterzecke genannt, vor. Sie überträgt die sogenannte Hundemalaria. Martin Schroth hatte an seinem Hund gleich ein Exemplar entdeckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

P1170786 Aurorafalter weiblich anthocharis cardaminesAurorafalter (weiblich) anthocharis cardaminesDas weibliche Exemplar hat keine Orangefärbung, im Gegensatz zu den männlichen Vertretern. Der Tagfalter bevorzugt als Nektarplanzen Wiesenschaumkraut, Knoblauchsrauke und Ackersenf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

P1170857Die erwarteten Mücken hatten wohl besseres zu tun als uns stechen zu wollen und so konnten wir auch im Restaurant, mit Blick auf den Altrhein, ungestört das Mittagessen geniessen.

Wir konnten bei der Wanderung die typischen Strukturen des NSG gut erkennen. Der Kühkopf, als weiträumige Auenlandschaft, sieht sich vielen Herausforderungen ausgesetzt. So bleibt abzuwarten, ob die Anpassung der Baumarten, ein sicher jahrzehntelanger Prozess, gelingt und ob die Beziehung zwischen Natur und Freizeitbedürfnis der Menschen ausgleichend geregelt werden kann. Der Druck auf das Gebiet, durch das zunehmende Bedürfnis an naturnaher Erholung, wird wohl größer werden.

 

 

 

 

Quellen: Wikipedia/Wikimedia; Carinthia II/Klagenfurt 2015;
BM Umwelt, Naturschutz … (Den Flüssen mehr Raum geben, 2015)
Fotos: Klaus Benedickt, Ursula Heidrich, BUND e.V., bing, fotocommunity